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Wasserballer als olympischer Rettungsanker?

print | Donnerstag 02 Februar 2012, 11:10 | Wolfgang Philipps


Erfolgreiche Auftritte in Mannschaftssportarten können ganze Nationen verbinden: Trotz zweistelliger Temperaturen im Minusbereich haben am Montagabend in der serbischen Hauptstadt Belgrad rund 20.000 Menschen die Erfolge der Wasserballer (Europameister) und Handballer des Landes (Vize-Europameister nach langer sportlicher Durststrecke) gefeiert. In Deutschland funktioniert dieses abseits vom (Männer-)Fußball derzeit allerdings aus recht banalen Gründen nicht sonderlich gut: Noch nie sind die deutschen Mannschaftssportarten so schlecht wie im Vorfeld der Olympischen Spiele von London (Großbritannien) gewesen.

Aus deutscher Sicht fällt die Bilanz für die Olympischen Spiele bei den Mannschaftssportarten bereits jetzt katastrophal aus: Dr. Thomas Bach, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB), geht bereits jetzt davon aus, daß es in London die kleinste deutsche Olympiamannschaft seit der Wiedervereinigung geben wird. Angesichts der fortlaufenden Pleiten der großen Sportarten (am vergangenen Mittwoch erwischte es jetzt auch die Handball-Männer) könnte die Wasserball-Männer fast schon zu einem olympischen Rettungsanker mutieren. Angesichts der Pleiten der „großen“ Sportarten guckt das sportlich interessierte Deutschland wie schon lange nicht mehr auf die Wasserballer, und noch nie hat sich Michael Zellmer (Hannover), Teammanager der deutschen Wasserball-Männer, so oft in den großen Tageszeitungen der Republik wiedergefunden

Qualifiziert für die Olympischen Spiele sind in den nunmehr nur noch zwölf Mannschaftssportarten (für 2012 sind Baseball und Softball gestrichen worden) erst die beiden erfolgsverwöhnten Hockeyteams, die allerdings schon seit Jahrzehnten medaillen- und titelverdächtig sind. Bereits komplett ausgeschieden sind sechs von zwölf Mannschaften, darunter auch die 2008 noch mit Bronze dekorierten Fußball-Frauen, die bei dem EM-Turnier noch mit Superstar Dirk Nowitzki aufgelaufenen Basketballer und in den vergangenen sechs Wochen auch gleich beide Handballteams, letztere nur fünf Jahre nach dem Weltmeistertitel der Männer im eigenen Land. Die Olympiaqualifikationen der Volleyballer steigen teilweise erst im Juni, wobei die Chancen der beiden DVV-Teams dem Vernehmen nach auch allenfalls auf Niveau der Wasserball-Männer bewegen, die Anfang April beim Qualfikationsturnier in Edmonton (Kanada) an die Leistungsgrenze gehen müssen.

Beim Wasserball sind es gleich mehrfach Erfolge der ungarische Sieben gewesen, die dem kleinen Land an der Donau wiederholt nationalen Stolz verliehen haben. Dieses galt bereits für die Erfolge der Nationalmannschaft in den 1920er und 1930er Jahren nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg, kulminierte dann im Dezember 1956 in dem „blutigsten Wasserballspiel aller Zeiten“, als sich beim Olympiaturnier in Melbourne (Australien) direkt nach der Niederschlagung des Ungarischen Volksaufstands durch die Rote Armee nur wenige Wochen später just die Teams aus Ungarn und die Sowjetunion im Becken um Gold duellierten. Was gerne vergessen wird: Der erste große Mannschaftserfolg deutscher Sportler nach dem Ersten Weltkrieg war die Goldmedaille der Wasserballer beim Olympiacomeback 1928 in Amsterdam (Niederlande).

Dabei sind besonders die Auftritte der Ballsportler, die Mannschaften über ein ganzes Turnier tragen und fortlaufend für Medieninteresse sorge, wie selbst von DOSB-Offiziellen eingestanden wird. Dieses Phänomen gilt jedoch nicht nur für Olympia, sondern auch für die alle zwei Jahre stattfinden Schwimmweltmeisterschaften, wie immer wieder festzustellen ist. Fast jeder Tagesbericht der vergangenen Titelkämpfe beinhaltete auch immer eine Meldung über das Wasserballteam, das seit 2007 stets bis zum letzten Veranstaltungstag dabei gewesen ist und durchaus Flaggschiffcharakter besitzt. Die Mißerfolge deutscher Mannschaftssportarten könnte den Wasserball-Männern nun eine lange Jahre nicht bekannte Aufmerksamkeit über die Szene hinaus bescheren – dieses umso mehr, falls sich wirklich für Olympia qualifizieren sollten.

Die Mißerfolge der deutsche Mannschaftsportler in der jüngsten Vergangenheit sind jedoch frappierend, zumal auch die ab 2016 mit der Siebener-Variante olympischen Rugby-Spieler nicht als Kandidaten auf eine Teilnahme gelten. Noch weiter geht beim Hinweis auf die generell bescheidenen Erfolge deutscher Mannschaftssportarten Volleyball-Funktionär Günter Hamel, der dabei ein durchaus heißes Eisen anfaßt: Der Sportdirektor des Deutschen Volleyball-Verbands (DVV) fordert eine größere finanzielle Unterstützung für den Spielsport und findet es problematisch, „daß sich die Mittel auf diejenigen beschränken, die die meisten Medaillen holen – und das sind nun mal sowieso nicht die Spielsportarten, bei denen es ja nur eine Medaille zu gewinnen gibt.“ Auch bei den deutschen Wasserballern rennt er offene Türen ein: Auch den Spielern mit dem gelben Kunststoffball fehlt es an Geld, um ein über alle Altersgruppen und beide Geschlechter durchgängiges Förderkonzept konsequent durchzuziehen.

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