Deutschlands Frauen sind seit 1999 in Europa fest auf Rang sieben etabliert: Zuletzt gab es fünfmal in Folge genau diese Platzierung bei den kontinentalen Titelkämpfen, und auch bei den anstehenden Europameistersschaft in Zagreb (Kroatien) wird es schwierig, von diesem Rang herunterzukommen. Zwar hat die Förderung der Spitzenspielerinnen und deren soziale Absicherung Fortschritte gemacht, doch ein Problem kann der Bundestrainer kurzfristig nicht lösen: Er muss mit einem recht dünnen Potential an Spielerinnen und interessierten Vereinen auskommen.Nun ist Deutschland nicht die einzige Nation mit diesem Problem, doch dass dieses nicht der Königsweg ist, hat ein aktuelles Beispiel recht drastisch gezeigt: So sorgte Bundestrainer René Reimann im Juni mit der Nominierung von drei Neulingen für das Vier-Nationen-Turnier im russischen Kirischi für weiteren Schwung im A-Team. Interessanterweise entstammen alle Drei ursprünglich im Frauenwasserball nahezu unbekannten Klubs, was einmal mehr die These stützt, dass eine breite Vereinslandschaft bei Männern wie auch Frauen Vorteile bringt: Torfrau Clara Drees von der SG Neukölln ist über zwei wenig bekannte rheinländische Vereine erst in dieser Saison über ein Freiwilliges Soziales Jahr in der Hauptstadt gelandet und hat nicht ein einziges Jugend- oder Junioren-Länderspiel auf dem Konto. Linkshänderin Tatjana Steinhauer und Anne Reuter haben anfangs sogar in Jungenligen gespielt – systematische Sichtung und Förderung lässt sich dieses schwerlich nennen.
Ob die Bundesliga der Frauen dabei mit acht, neun oder zehn Mannschaften spielt, ist an dieser Stelle gar nicht einmal entscheidend. So gibt es in der griechischen A1-Liga, die aktuell gleich beide Europapokalsieger stellt, lediglich acht Teams, dieses allerdings mit einem harten Auf- und Abstiegskampf. Viel problematischer ist derzeit, dass in kaum einer Region ein echter Unterbau existiert. Selbst die einst so spielstarke Oberliga West, vor Einführung der Bundesliga im Jahre 1998 das sportliche Rückgrat des deutschen Frauen-Wasserballs, dümpelte zuletzt nur mit fünf Mannschaften vor sich hin.
Ließe sich vielleicht mit einem „Marshallplan“ für den Frauenwasserball etwas erreichen? Politikern, Ökonomen und vor allem auch Publizisten unterliegen bei Verweisen auf diese gerne zitierte Maßnahme der US-Regierung zum Wiederaufbau Europas nach dem Zweiten Weltkriegs dabei oftmals einem nicht unbedeutenden Trugschluss: Dieser war bzw. ist trotz seines großen Erfolges im kriegszerstörten Europa kein allmächtiges Allheilmittel. Selbst im zusammengebrochenen Deutschland waren - anders als in vielen heutigen Krisenregionen - immer noch zahlreiche Ressourcen für eine moderne Volkswirtschaft vorhanden, und vor allem war auch das entsprechende Wissen darüber vorhanden. Allerdings: Für den deutschen Frauenwasserball würde im übertragenen Sinn diese Voraussetzung sogar zutreffen.
Zwar dürfte es schwerlich möglich sein, eine ähnlich hohe Spielerzahl wie in den Niederlanden, Italien oder den USA zu erreichen. In kaum einer anderen olympischen Ballsportart in Deutschland gibt es jedoch aktuell ein derart krasses zahlenmäßiges Missverhältnis zwischen männlichen und weiblichen Spielern, und in zahlreichen Regionen liegt der Frauenwasserball in der Tat brach oder existiert sogar gar nicht. Viele Vereine bieten die Sportart für Frauen bewusst nicht an. Bei manchen Standorten wie im Falle Waspo Hannnover-Linden/Hannoverscher SV, wo sich das Geschehen auf den Nachbarverein verlagert hat, ist dieses angesichts zusätzlicher Ressourcen durchaus vernünftig, allerdings gibt es in ganzen Regionen und sogar Bundesländern keine Frauenteams.
Eine wirkliche Begründung für dieses Missverhältnis existiert vielfach nicht: So gibt es vielerorts deutlich mehr weibliche als männliche Schwimmer, die auch heute noch immer Rekrutierungsmasse für die Sportart Wasserball bieten. Das Fachwissen vor Ort ist oftmals vorhanden, und vielfach sind sogar Trainingsflächen bei den Männern nur unzureichend genutzt. Überregionale Erfolge im Frauenwasserball lassen sich dabei sogar leichter und schneller erreichen, und es gibt auch im Wasserball zahlreiche junge Mädchen, die Vater oder Bruder nacheifern. Ein Engagement im Frauenbereich erfordert im heutigen Zeitalter zwar einiges an Willen und Geduld, ist aber auch nicht unmöglich und auch bei einem Start von „Null“ lässt sich in einem überschaubaren Zeitraum etwas auf die Beine stellen.
So wird in der kommenden DWL-Saison mit Freie Schwimmer Duisburg neben Vizemeister Bayer Uerdingen eine zweite rheinische Mannschaft in das Erstligageschehen einsteigen. In der Region Düsseldorf/Duisburg/Krefeld sollten in der Tat genug Ressourcen vorhanden sein, um gleich zwei ambitionierte Erstligisten zu stellen. Dagegen gibt es in zahlreichen anderen Erst- und vor allem Zweitligastandorten überhaupt keinen Frauenwasserball, so dass hier nicht einmal für einen Unterbau reicht. Es bleibt in der Tat die Frage, ob einige Regionen nicht einfach „wachgeküsst“ werden müssen - und sei es durch Initiativen der Verbände.
Ein zweiter Ansatzpunkt neben der Belebung von vorhandenen Standorten sind Programme, um Wasserball insgesamt populärer zu machen und bereits unter den Jüngsten Interesse an der im öffentlichen Leben ansonsten kaum präsenten Sportart zu wecken. So gibt es an einigen Standorten wie etwa Hamburg oder Bremen bereits Mini-Ligen mit zahlreichen Mannschaften auf kleinen Feldern mit einfachen Regeln, in denen neben gemischten Teams sogar reine Mädchen-Mannschaften mitmischen. Dieses würde sich sogar für beide Geschlechter rentieren, allerdings waren diese Maßnahmen bisher vor allem den lokalen Initiativen einzelner „Wasserballverrückter“ zu verdanken. Auch hier ließe sich mit einem strukturierten Programm wertvolle Hilfestellung geben, um derartige Bemühungen in anderen Regionen zu ermöglichen.
Letztlich bleibt die Aufforderung, dem deutschen Frauenwasserball neben der verbesserten Förderung der Spitze auch in der Breite zusätzliches Leben einzuhauchen. Der Blick auf den amtierenden Weltmeister USA ist dabei nicht nur aufgrund der jüngsten Titel durchaus lohnend: Dort leistet der Verband logistisch Hilfestellung, um Vereinsgründungen zu ermöglichen und die Sportarten in bisher verwaisten Regionen zu verbreiten, und die große Anzahl weiblicher Spieler ist hier auch eine Quelle der jüngsten Erfolge.